Neue Zeitungsordnung //1000.Ideen #31

Viel hat sich nicht geändert blickt man in die Zeitungen von heute. Die FAZ hat mehrere Jahrzehnte gebraucht bis sie sich endlich traute ein Foto auf die Frontseite zu drucken. Die Frankfurter Rundschau kämpft seit einigen Jahren in einem neuen Format verzweifelt ums Überleben. Aber in den Grundzügen sind die Zeitungen fast genauso aufgebaut wie zu Gründungszeiten: Titelseite – Politik – Wirtschaft – Sport (ausgenommen der Boulevard-Siff, aber denen werde ich nicht noch Tipps geben).

Inspiriert durch das aktuelle Dossier der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zum Thema Euro-Krise und durch den Einstieg der SPIEGEL und ZEIT App empfehle ich den Gedanken der gebündelten Themen-Dossiers fortzusetzen. Nicht unterteilt nach Politik, Wirtschaft, Feuilleton und Wissenschaft sondern nach den übergeordneten, konkreten Themen. Zum Beispiel “Norwegen/Oslo”, “Rettung von Griechenland”, “Hacker-Angriffe KW30″, “Zum Tod von Amy Winehouse” und “USA Debt Crises”.

Spiegel Online hat dieses System mit Hilfe der Themenseiten schon skizziert. Eine Zeitung könnte über diesen Ansatz selbst Themen setzen und auf der Titelseite die eigens gesetzte Agenda bewerben: “Hungern 2011 – Nordkorea, Somalia und die langsame Hilfe des Westens – die FAZ zeigt Bilder, spricht mit Helfern und nimmt Politik und Gesellschaft in die Pflicht”.

Über die dazugehörigen Apps kann ich mir die Themenkomplexe einzeln per In-App-Kauf herunterziehen. Nicht nur die Artikel und Interviews in voller Länge erwarten mich. Dazu exklusive Bilderstrecken und Videos, Animationen und weiterführende Links. Ein echtes Multimedia-Angebot. Endlich konkurrieren Zeitungen wieder beim Content – ihrer ehemaligen Stärke. Wer hat das bessere Dossier zum Jahrestag der Loveparade? Der Spiegel hat eine 45minütige Video-Dokumentation, die FAZ blickt auf 20 Jahre Loveparade und die Süddeutsche hat die umfangreichsten Interviews zum schlimmsten Tag der deutschen Popkultur.

Im besten Fall kann ich diese Themenkomplexe abonnieren. Erstellt die Redaktion einen neuen Beitrag landet er in meiner App-Inbox, ich werde über Updates und Weiterentwicklungen informiert. Wird das Thema “rentabel” kann sich eine eigene Redaktion darum kümmern. Mit Hilfe von sozialen Feedbackmöglichkeiten versuchen die Content-Anbieter die Leser an sich zu binden. Nicht gleich an die ganze Zeitung, erstmal an das Thema. Vertrauen gewinnen, Kunden gewinnen.

Zeitungen neu verstehen //1000.Ideen #18

Eine kleine Hypthese. Würde Johannes Gensfleisch von Sorgenloch genannt Gutenberg den Buchdruck heute noch einmal erfinden? Nein. Er würde das iPad erfinden.

Der Buchdruck wurde ja nicht erfunden um Papier mit wilden Buchstaben zu bedrucken sondern um Wissen zu speichern und zum Weiterverbreiten aufzubereiten. Nun hat der Buchdruck, dessen Technik sich im Groben bis heute Zeitungsverlage beim Druck ihrer Zeitung bedienen, den Nachteil, dass die Fertigstellung und Verbreitung eines Inhalts (Beispiel: Artikel) zeitlich stark voneinander getrennt sind.

Hubert K. ist Redakteur in Hamburg und stellt an einem Montag seinen Artikel fertig. Durch Johannes Gutenberg ist es nun möglich, dass der Artikel von Hubert K. am darauffolgenden Samstag im SPIEGEL gedruckt und verbreitet wird. Durch Steve Jobs ist es möglich, dass sein Artikel zehn Minuten später verfügbar ist.

Wieso dauert das also immer noch so lange? Ich weiß es nicht. Wieso können Zeitungen und Zeitschriften nicht ihre rückständigen Veröffentlichungsformen über den Haufen werfen. 3,80 Euro zahle ich pro Woche für mein Spiegel e-Paper. Dafür bekomme ich einen Berg an neuen Artikeln am Sonntagmorgen auf mein digitales Lesengerät und habe nun sieben Tage Zeit die Inhalte durchzuforsten. Nur damit ich parallel schon auf spiegel.de lesen kann, dass das alles längst überholt ist und Griechenland doch nicht pleite gegangen ist – zumindest in dieser Woche.

Wieso trennen Spiegel und Zeit immer noch ihre Produkte Zeit Online und DIE ZEIT oder Spiegel Online und den SPIEGEL so stark voneinander? Gutenberg würde verzweifeln. Zu Recht. Es wird Zeit diesen Quatsch zu überdenken.

Das iPhone als presserechtsfreier Raum?

Schon wieder so eine irreführende Diskussion, die von scheinbarem Unwissen geprägt ist. Es ist eine ganz andere Geschichte wenn Apple plötzlich unzählige iPhone Apps löscht und damit einigen Programmierern die Lebensgrundlage entzieht. Außerdem ist das undurchsichtige Zulassungssystem für neue Applikationen ein unkalkulierbares Investitionsrisiko.

Nur vielleicht sollte man sich noch einmal auf die Geschichte der iPhone Apps, von denen vor zwei Jahren noch kaum jemand geredet hat und erst Recht niemand ahnen konnte, dass deren Existenz auch tausende Arbeitsplätze töten könnte.

Als Apple das erste iPhone vorstellte, war Steve Jobs der Überzeugung, dass es Apple vorbehalten sein sollte überhaupt Apps herzustellen. Entwickler sollten doch bitte auf sogenannte Web-Apps setzen, also ihre eh schon bestehenden Webseiten an das iPhone anpassen und alle Anwendungen darüber laufen lassen.

Hintergrund: Apple wollte verhindern, dass Programme die Funktionsfähigkeit des Gerätes einschränken und das “Gefühl” bei der Bedienung kaputt machen.

Nach kurzer Zeit entschied man sich aber dazu die Welt an den neuen Verdienstmöglichkeiten mit “Apps” teilhaben zu lassen. Apple sah einen kommenden Goldrush für Entwickler und sich selbst. Und Verlage sahen plötzlich Licht am Horizont.

Nun hat Apple spontan unzählige Applikationen gelöscht, die ihrer Meinung nach zu offensiv mit nackter Haut umgingen. Die Regeln sind irritierend, nicht nachvollziehbar und werden scheinbar willenlos angewendet.

Leidtragender war auch das Magazin “Stern“. Wegen einer Slideshow mit nackten Brüsten flog die Applikation aus dem App-Store.

Der Aufschrei erinnert ein wenig an den Aufschrei gegen eine geplante Applikation der Tagesschau. Auch in ihrer Arroganz:

“morgen sind es wichtige gesellschaftliche und politische Themen, die den Verantwortlichen von Apple missfallen. Das ist Zensur und davor müssen wir uns schützen”. (Wolfgang Fürstner, Geschäftsführer des Zeitschriftenverbandes VDZ gegenüber Spiegel Online.)

“Es ist eine Art pressrechtsfreier Raum, der da entsteht.” (Axel Postinett, Redakteur Abendblatt gegenüber dem NDR-Magazin Zapp)

Nein. Es ist keine Zensur und es entsteht auch kein pressrechtsfreier Raum. Warum? Weil alle Slideshows mit Halbnackten, gänzlich Nackten und Bikinidamen, die die Klickstrecken der großen Onlineportale füllen, weiterhin auf dem iPhone verfügbar sind. Sogar, oh Schreck, Hardcorepornos sind auf dem iPhone abrufbar.

Wie?

Über das Internet. Wer den Safari-Browser öffnet, kann ganz normal www.bild.de eingeben. Oder auch stern.de oder youporn.com. Nur eben ohne App-Store und ohne eigenes Vergütungsmodell. Das haben die Verlage für ihre eigene Webportale schließlich immer noch nicht gefunden.

Zur Diskussion um die Web-Tagesschau: verfrüht, überzogen, unverhältnismäßig

Super-GAU, Persilschein, Kampfansage. Die Reaktionen auf ein internes Papier des NDR-Rundfunkrates, das dem Spiegel vorliegt, können überzogener kaum sein.

Es ist immer noch für alle ungwohnt und es wird noch einige Zeit vergehen müssen, bevor sich alle an die neuen Gegebenheiten in der digitalen Welt gewöhnt haben: Verleger und öffentlich-rechtliche Angebote finden plötzlich auf den gleichen Plattformen statt.

Dem Internet-Nutzer ist es egal, ob die Einen früher Papier bedruckt und die Anderen Bänder bespielt haben. Jetzt erarbeiten alle ihre eigenen Web-Angebote für verschiedene Plattformen und stehen in direkter Konkurrenz. Nicht nur, wie bisher, um das Medien-Zeitbudget sondern um konkrete Klicks und andere messbare Werte, die für die Einen bares Geld bedeuten.

Eigentlich exisitiert das “Problem” seit der Erfindung des Internets. Nur zur Zeit wird vor allem im Hause der Verleger deutlich welche Bedeutung diese Entwicklung hat und welchen Lauf sie nehmen wird. Mit Apples iPad haben sie auf einmal die Zukunft gesehen: ihre Zeitungen werden vielleicht doch in der alten Form digital weiter existieren können, für Geld. Aber eben nicht außerhalb der Konkurrenz von GEZ-finanzierten Inhalten, so wie es am Kiosk bisher der Fall war.

Vielleicht sollten sich die Verleger noch einmal mit den Chefs der privaten Fernsehanbieter unterhalten. Dort gibt es die Ko-Exisitenz seit den 80er Jahren. Und trotzdem: die “Privaten” waren bei “den Jungen” nie so erfolgreich, wie zur Zeit. Auch im Netz also kann es für die Verleger gar nicht der Untergang des Abendlandes sein, wenn Tagesschau.de in Grundzügen ähnliches darf wie Zeit-Online.

Bei der ganzen – überhitzten – Debatte um die Erfüllung des 3-Stufen-Tests von Tagesschau.de wird etwas ganz vergessen: Die Tagesschau ist ein – entschuldigen Sie, geschätzter Kollege Gniffke – Spartenangebot. Ein aufwendig produziertes, sehr teures, gesellschaftlich unersetzbares und nur in dieser Finanzierungsform mögliches Angebot mit einer stark fokussierten Ausrichtung. Jetzt werden einige schreien: Moment, die Tagesschau hat jeden Abend nahezu zehn Millionen Zuschauer allein im Ersten. Was ist daran Sparte?

Es ist die Themenauswahl – und die erstreckt sich in dieser Form auch auf alle Online-Angebote von Tagesschau.de. Es ist die große Politik, die bei anderen Sendern nur noch wenige Minuten Zeit eingeräumt bekommt. Es sind weltpolitische Zusammenhänge, Krisenherde weit entfernt von der eigenen Haustür, es sind globale, komplizierte und ungemütliche Themen, die sich die großen Privaten in dieser Ausgiebigkeit nicht trauen.

Die wenigsten Menschen informieren sich rein über die Tagesschau. Sie schauen auch RTL Aktuell, Punkt 12, Taff, bei den Jungen sind es sogar sehr oft die RTL  2 News. Das ist online nicht anders. Wer nur tagesschau.de ansurft, bekommt vieles von dem was Spiegel.de, Stern.de oder gar BILD.de bietet nicht – das ist gewollt so und gut so. Es ist also reinste Stimmungsmache wenn Vorstandschef schreiben, dass eine Tagesschau-Applikation für das iPhone tausende Arbeitsplätze kosten wird:

“Wenn sich bezahlte Applikationen auf mobilen Geräten nicht durchsetzen, wird dies Tausende Arbeitsplätze in der Verlagsbranche kosten” (Mathias Döpfner, Vorstandschef Axel-Springer im Focus)

Noch bizarrer wird es bei der Betrachtung anderer Angebot auf dem iPhone: Stern.de und andere sind im übrigen längst mit einer kostenlosen App auf dem iPhone vertreten. Allein dieser Umstand zeigt wie wenig Substanz in der aktuellen Diskussion steckt.

Jetzt wird also gegen das gesamte Online-Angebot der Tagesschau gewettert. Spiegel Online schreibt:

“Der neue Rundfunkstaatsvertrag würde zur Farce, die private Konkurrenz düpiert.”

Nein, der Rundfunkstaatsvertrag ist sicher keine Farce. Es gibt eine knallharte Negativliste, die den Online-Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Anstalten ohne großartige Begründung bestimmte, über die Verleger-Lobby durchgedrückte Punkte, verbieten.

Außerdem kooperieren viele Verlage schon jetzt mit den Online-Ablegern von ARD+ZDF. Zeit.de bindet die 100-Sekunden-Ausgabe der “Heute” ein, andere die “Tagesschau in 100 Sekunden“. Der Tagesspiegel kooperiert zukünftig mit dem RBB.

Gerade die Tagesschau und tagesschau.de sind Angebote, das wichtiger kaum sein können für eine demokratische Gesellschaft. Eine unabhängige, journalistische Berichterstattung, und damit Dokumentation, digitalisiert auf alle Zeit. Das könnten natürlich private Anbieter ebenfalls erarbeiten. Werden sie aber nicht, allein aus finanziellen Gründen und was passiert mit den Archiven, wenn Spiegel-Verlag oder Holtzbrinck in 25 Jahren doch mal pleite gehen?

Es geht also um weit mehr. Während die Verleger vor allem von wirtschaftlichen Interessen in knappen Zeiten getrieben sind und im Fieberwahn gegen die öffentlich-rechtlichen hetzen. Dabei übersehen sie auch, dass tagesschau.de nicht einmal – wie im Radio die Programme der öffentlich-rechtlichen und im Fernsehen das Erste und das ZDF – die Marktpreise für Werbung mitdiskutieren.

Schrecklich müssen sich die Vorstandschef fühlen zur Zeit. Eingekeilt zwischen Google und den öffentlich-rechtlichen. Da hilft scheinbar nur lautes Gebrülle, unseriöse Berichterstattung und Stimmungsmache auf Kosten eines Systems, das durch diese Art in Frage gestellt wird. Das kann wirklich niemand ernsthaft wollen. Denn: das duale Rundfunksystem ist eine wichtige Säule unserer Demokratie.

Denn wenn die Tagesschau im Netz nicht darf, was andere dürfen, wird sie zwangsläufig verschwinden, da in wenigen Jahren nur noch das Netz – die digitale Welt – existiert.

Disclosure: ich arbeite seit vielen Jahren für den NDR und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dieser Artikel spiegelt meine persönliche Meinung wieder und nicht zwangsläufig die des NDR. Update: ich arbeite weder für die Tagesschau oder tagesschau.de, noch ARD-Aktuell.

Die Reaktion vom derzeitigen ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust.

ZEIT ONLINE: “Nachrichten gegen Geld ist kein Modell für uns”

Lars Hinrichs (Gründer von XING) & Rainer Esser (Geschäftsführer von DIE ZEIT) waren zu Gast in der Sendung “Abendjournal Spezial: Mit Eigensinn” bei NDR 90,3.

Die beiden Gäste sorgten für ein angeregtes Gespräch. Hinrichs, der laut eigener Aussage keine Zeitungen und Zeitschriften mehr kauft, sondern nur noch online konsumiert, und Esser, der den Spagat zwischen klassischer Verlagskultur und neuen Medien versucht und meiner Meinung nach immer besser umsetzt.

Es war eine kleine Kuschelrunde, das vorweg. Umso spannender waren die Meinungen beider Seiten. Beide kannten sich schon aus früheren Gesprächen. Rainer Esser konnte noch nicht bei XING Mitglied werden. Obwohl Hinrichs ihm eines kostenlose Mitgliedschaft schon mehrfach angeboten hat.

“Die Zeit ist so erfolgreich wie nie zuvor”, stellt Moderatorin und Direktorin des Landesfunkhauses Hamburg beim NDR, gleich zu Beginn fest und zeigt somit sehr einfach, dass die derzeitige Verlags-Krise nicht dem Internet geschuldet sein kann.

Rainer Esser glaubt zu wissen warum das so ist: “Redaktion und Verlagsabteilungen arbeiten eng zusammen. Und wir sind sehr innovativ. Jeder einzelne im Haus sieht, was sein Beitrag zum Erfolg beiträgt und das sorgt für eine unglaubliche Motivation.”

20 Prozent hat DIE ZEIT an Auflage zugelegt. Umsatz und Ergebnis liegen noch stärker im Plus. 40 Redakteure wurden für ZEIT ONLINE insgesamt bisher eingestellt.

Und: “Die Zeit hat auch einen starken Online-Arm, der dynamisch in den letzten Jahren gewachsen ist. Das ist auch ein Teil des Erfolges.”, so Esser.

Esser stellt weiter fest, was viele immer noch zu unterschätzen scheinen: “Wenn ich alles zusammenrechne: alle Wohltaten, alle Abonnenten, die wir über online bekommen. Dazu die Stärkung der Reputation, Modernisierung der Marke – da würde ich sagen, dass wir uns mit Online langsam Richtung Break-Even bewegen.”

Geld wird immer noch über die Anzeigen im Heft, die Vertriebserlöse und durch Seitengeschäfte (Buchreihen, Veranstaltungen, Zeitschriften, Merchandising) verdient. Er hält diese Vielfalt für ein Zukunftsmodell. Dazu gehört auch Qualität.

Hinrichs würdigt das: “Herr Esser hat eine sehr starke Print- und eine sehr starke Online-Marke. Es wird immer die Kombination gewinnen.”

Ganz klar ist für Esser die Paid-Content-Strategie. Ein Modell, wie es das Hamburger Abendblatt fährt – also einzelne Beitäge gegen Geld – kommt für Esser nicht in Frage: “Online kann man gut verdienen, wenn man besondere Dienste anbietet. Aber wenn ich Nachrichten anbiete, die eine ganze Reihe von Anbietern kostenlos anbietet, kann ich dafür kein Geld verlangen.”

Der größere Anteil von ZEIT ONLINE bleibt also auch weiterhin umsonst. Aber mit kommenden, neuen technischen Innovationen – wie dem iPad – ist es denkbar, dass zum Beispiel die Original-ZEIT auf so einem Gerät digital gegen Geld abrufbar sein wird.

Hinrichs macht im Gespräch auch mehrfach deutlich, dass man für das reine Abrufen von journalistischen Texten kein Geld verlangen kann. Er spielt den Traffic-Ball: je mehr Benutzer eine Seite besuchen umso mehr Anzeigen werden geschaltet, umso mehr Geld wird damit verdient.

Eine Rechnung, die meiner Meinung nach nicht ganz korrekt ist, denn unterschiedliche Inhalte kosten unterschiedlich viel Geld, bringen aber nicht unbedingt mehr Werbeeinnahmen. Gerade hart recherchierte Randthemen, die nur wenige Leute interessieren, werden kaum abgefragt, sind aber von gesellschaftlicher Relevanz und müssen bearbeitet werden.

Laut Esser sind ebenfalls die Journalisten stärker gefordert. Zum einen im Bereich des Produzierens. Aber auch in Sachen Kreativität: “Wir müssen uns in den Verlagen immer wieder neue Dinge ausdenken, um mit unserer Zielgruppe in Kontakt treten.” und weiter: “Der Drang für Journalisten sich verändern zu müssen ist genauso groß. Sie müssen sich viel mehr auf das einstellen, was ihre Leser lesen wollen.”

DIE ZEIT selbst hatte ihre Krisen laut Esser vor zehn Jahren: “Da haben wir beschlossen, dass wir, wenn es um Innovation geht, ganz vorn dabei sein.” Sie wollen sich auch weiterhin sofort darauf einstellen, “wenn sich die Welt da draußen verändert.”. Vielleicht hatte DIE ZEIT also das Glück, dass die eigene Krise schon überstanden war.

Es lohnt sich die ganze Stunde zu hören - in der NDR Mediathek.

Das “Wir machen alles”-Syndrom deutscher Verlage

Über AOL lästert die Internet-Welt. Zugangsgeschäft abgegeben, vom Global Player zum langweiligen Onlineportal. Jetzt sind fast alle europäischen Standorte dicht. Dabei zeigt AOL den Verlagen wie sie im Internet immer noch mehr Geld verdienen könnten als bisher.

Eines der besten Beispiele im AOL-Kosmos war der Hollywood-Gossip-Blog “TMZ.com“. Die Frage, ob die Arbeit der “Journalisten” moralisch okay ist oder nicht, sei für einige Zeilen auszublenden. Mit “TMZ” hatte AOL bis zum Split mit Time Warner eine der erfolgreichsten Gossip-Seiten im Netz.

Über diese Seite wurde die Welt zum Beispiel darüber informiert, dass ein Krankenwagen zum Haus von Michael Jackson gerufen wurde. Außerdem wurde der Videobereich massiv ausgebaut, eine eigene TV-Sendung ist entstanden und an manchen Tagen streamten die Macher Livevideos aus den Vorgärtern der Promis. TMZ.com ist das FoxNews der amerikanischen Gossip-Szene. Einnahmen 2008: 25,4 Millionen US-Dollar (ca. 17,6 Mio. Euro).

Ein anderes Beispiel ist die Seite “GNN.com – Good News Now” – eine Seite, die ausschließlich gute Nachrichten verbreitet. In der rechten, oberen Ecke zählt ein Countdown die Stunden zum Wochenende. Andere Seiten des AOL-Netzwerkes sind: popeater.com (Gossip) oder moviefone.com (Kino).

Die Strategie von AOL ist klar: Content-Portale zu verschiedenen Themen sollen in ihren Segmenten Marktführer und gewinnträchtig werden. Denn mit klar ausgerichteten Inhalten, lassen sich klare Zielgruppen erreichen und gezielte Werbeblöcke schalten. Man muss die Nutzerdaten gar nicht bis zur Perversion auswerten. Zusätzlich können einzelne Marken so mit Kompetenzen aufgeladen werden, die sich bezahlt machen und auch auf andere, klassische Medien übertragen werden könnten.

Bei der Präsentation der aktuellen Quartalszahlen sagte AOL-Chef Tim Armstrong zu den Zielen der kommenden Monate:
“1. in content, building content platforms for journalists on the web, matching technology with content can capture large audiences.
2. In advertising want to help brand advertisers transition to the Web
3. Communications, working on new platform
4. Paid services, we will be testing services and subscriptions in 2010″

Das ist mehr als viele deutsche Verlage vorweisen können. Die konzentrieren sich zur Zeit lieber darauf rumzumeckern und den technischen Fortschritt allgemein in Frage zu stellen. Nebenbei probieren sie undurchsichtige Paid-Content-Modelle.

In Deutschland haben Verlage größtenteils ein irritierendes Konzept: sie versuchen alle, Alles zu machen. Mit wenig Leuten, wenig Geld und wenig Erfolg. Sueddeutsche.de, stern.de, focus.de, faz.de – größtenteils verzichtbar. Der Inhalt unterscheidet sich nicht mal mehr in der Qualität der Beiträge. Weil sie es so aus ihren Kernmärkten im Print kennen, wird viel, möglichst schnell und kostengünstig online gestellt. Und die Marken verwässern immer stärker. Oder wer kann sagen wofür FAZ.de steht und wo es sich genau von sueddeutsche.de unterscheidet?

Auch ZEIT-Online, die ein, meiner Meinung nach, starkes Text-Online-Angebot produzieren, haben Probleme sich von Spiegel.de abzugrenzen. Das mag auch an der optischen Aufmachung der Seite liegen. Grundsätzlich positioniert sich die Zeit aber immer besser im Online-Sektor, auch die Zuwachsraten versprechen Gutes. Die Meinungsstärke der Beiträge zahlt sich aus. Die Macher haben es verdient.

Aber wer sagt eigentlich, dass alle Alles machen müssen? Und das auch noch auf der gleichen Plattform? Es sind genug Nischen in Deutschland noch nicht besetzt. Und dabei gibt es von einigen Privatleuten spannende, erfolgreiche (auch im kleinen Rahmen wirtschaftlich gesehen) Angebote.

Gerade im Bereich der Tech- und Medienseiten sind sowohl die Amateurszene (besonders in der Berichterstattung rund um den Konzern Apple aktiv) und die Kleinstredaktionen erfolgreich und wirtschaftlich gut aufgestellt.

Das reine Online-Medienmagazin dwdl.de begeistert seit Jahren mit einer fundierten und klar ausgerichteten Berichterstattung eine ganze Branche. Das zahlt sich aus. Mittlerweile arbeiten drei feste Redakteure für die Seite.

Bisher haben die Verlage vor allem eines versucht: ihre eh sehr reichweitenstarken Massenmarken im Netz zu positionieren und damit zu Geld zu machen. Dagegen werden die kleineren, speziellen Marken auch im Netz künstlich klein gehalten. Investiert wird dort gar nicht. Dabei wäre es in diesen Bereichen gar nicht so mitarbeiter- und kostenaufwändig.

Denn: Es zählen nicht 20 oder mehr eigenrechierte Geschichten jeden Tag. Durch eine intelligente Verlinkung anderer, ähnlicher Portale könnte sich jede Randmarke zu einem Marktführer in ihrem Segment im Internetbereich hocharbeiten. Dazu noch ein passendes Forum und die Nutzer kommen von allein. Die Werbekunden würden es Ihnen danken. Denn für einen Anbieter von Angelhaken gibt es wenig Fläche auf Spiegel Online und Co.

Obwohl Spiegel Online mit einer speziellen iPhone-App überrascht hat. Statt auch dort die bekannten und schon mehrfach abrufbaren Inhalte zu verbreiten, schickte man eine Wissens-Test-App ins Rennen und kann damit wirtschaftlich für wenig Aufwand etwas Geld verdienen.

Scheinbar hat man erkannt, dass sich Journalismus nicht unbedingt mit dem Verkauf des Produkts “Journalismus” refinanzieren kann.

Solange die Verlage aber weiterhin von allem ein wenig aber wenig richtig machen, werden Sie im Internet auf keinen grünen Zweig kommen. Denn so ist das alles nicht gedacht. Im großen, mittlerweile doch gar nicht mehr so jungen Internet.