Wenn es Google Radio gäbe… //1000.Ideen #14

Medien bereiten Daten auf und spielen sie in einem bestimmten Format an eine möglichst große Zielgruppe. Seit vielen Jahren wird deutlich: die ausgespielten Daten sollten möglichst passgenau auf den Empfänger ausgerichtet sein. Google versucht möglichst früh zu erkennen was der Nutzer genau sucht und spielt sowohl Werbung als auch Suchergebnis möglichst personalisiert aus.

Das Fernsehen wird auch – durch Google getrieben – nun den ersten Schritt in diese Richtung gehen. In wenigen Monaten wird es einen vergleichbaren Dienst wie LastFM (personalisiertes Radio) fürs Fernsehen geben. Der Springer-Verlag hat schon seit einigen Jahren mit Watchmi ein solches Produkt im Portfolio. Es ist nur eine Frage der Zeit bis es zu einer Android-App kommt. Fernsehsender treten als solche in den Hintergrund, der Nutzer bekommt was er (sehr wahrscheinlich) sehen mag – automatisiert und leicht zu bedienen.

Nur wie könnte das beim Radio aussehen? Allen Radiomachern ist bewusst, was ihr Unique Selling Point gegenüber jedem Internetradio ist: der Moderator und der Inhalt (Comedys, Wetter, Verkehr, Nachrichten). LastFM und Pandora, iTunes und YouTube können diesen Anforderungen des Radionutzers nicht gerecht werden. Dazu kommt, dass im mobilen Bereich die Handynetze noch nicht stark genug sind um ein Autoradio auf einer Fahrt von Hamburg nach Berlin vollständig mit einem qualitativen guten Radiostream zu versorgen.

Wir können davon ausgehen, dass sich das in den kommenden Jahren schnellstens ändern wird. Ein zweiter Strom, der das Radio vermutlich beeinflussen wird: Informationen wie Wetter und Verkehr können jetzt schon vom Handy und Navigations deutlich personalisierter abgerufen werden. Von Zehn-Tage-Trends für Göttingen über den entstehenden Stau auf der A7, Handys und Navis bieten einen deutlich persönlicheren Service als jeder Radiosender.

Nun, was würde ich tun, wenn ich Google wäre und Radio machen müsste? Ich würde mich der Musik meiner digitalen Plattformen, wie YouTube, bedienen dazu auf die schier endlosen Podcast-Angebote der öffentlich-rechtlichen und privaten Radiosender zugreifen und das mit den Profilinformationen, die ich über den einzelnen Google-Nutzer weiß, kombinieren. Dazu schließe ich einen Zulieferdeal mit einem Nachrichtenanbieter aus jeder Region und lasse die Wetter- und Verkehrsvorhersagen auf Wunsch sprachgesteuert ausgeben.

Durch die Klicks auf Musikvideos bei YouTube und Käufen im Google Music Store (startet demnächst in den USA) kenne ich den Musikgeschmack meines Hörers passgenau, mit seinen Klick in den Google-Suchergebnissen kenne ich seine Interessensgebiete. Der persönliche Radio ist also eine Mischung aus LastFM und den Wortangeboten aus den Mediatheken der Radiosender. Dazwischen lasse ich personalisierte Werbespots laufen, online gestellt von den Firmen selbst – AdSense fürs Radio. Das Angebot wäre kostenlos und über die Handynetze überall empfangbar.

Fragt sich: reicht das um auch den Moderator vergessen zu machen?

Wir haben doch keine Zeit!

Freunde, der unterhaltsamen Mitmach-Kultur im Internet,

wir diskutieren mehrmals täglich über die Zukunft der Printmedien. Wir sehen Blogs, Twitter und iPads als die Rettung des Journalismus. Wir glauben, dass das ganze Land irgendwo einchecken wird, den App-Store leer kauft; wir hoffen, sie laden Videos hoch, personalisieren sich ihre eigene Zeitung, fluten das Netz mit Bildern und geben bei diesem ganzen Wahnsinn auch noch ihr ganzes Geld aus.

Kommen wir zu etwas ganz anderem: ich will euch meinen guten, besten Freund Steve vorstellen. Steve ist seit dem vergangenen Herbst Lehrer an einem Gymnasium in der Nähe von Stuttgart. 5.30 Uhr klingelt sein Wecker, Steve schlurft ins Bad, macht das Radio an, SWR3 berichtet ihm von den Staus auf seiner Strecke Richtung Stuttgart, verrät ihm, während Steve Zähne putzt, ob die Regenjacke wichtig wird. Steve erfährt am Küchentisch das Neuste aus Japan und von der Euro-Krise während der erste Kaffee durchläuft und die Müsli vorbereitet werden. 6.30 Uhr: Steve sitzt in seinem neuen VW Golf Richtung Stuttgart. Bis 16.00 Uhr geht der Unterricht an vielen Tagen. Danach geht es zurück nach Hause, mit seiner Frau, auch Lehrerin, wird gemeinsam gegessen. Die Vorbereitungen auf den nächsten Tag nehmen zwei bis vier Stunden ein. Dazwischen wird eine Pause vor den Abendnachrichten eingelegt, um überhaupt mitzubekommen was an diesem Tag in der Außenwelt passiert ist. Steve antwortet sehr unregelmäßig auf meine E-Mails. Er sagt, er lese sie, nur zum Antworten fehle meist die Zeit. Bei Facebook ist er angemeldet um Kontakt zu alten Freunden zu halten.

Steve ist Lehrer, also Teil einer Berufsgruppe, der im Allgemeinen sehr viel Freizeit zugesprochen wird. Frisöre, der freundliche Herr an der Kasse von Aldi, die Bedienung im Café, die Frau an der Hotline von meinem Internetanbeiter: Ein sehr großer Teil der Menschen arbeitet, ein sehr großer Teil teilweise acht bis zehn Stunden täglich. Dazu kommen die Kinder, der Haushalt, die Pflichten als gesetzestreuer Mensch (Rechnungen bezahlen, Auto zum TÜV bringen) und irgendwann wollen wir alle ja auch noch soziale Kontakte pflegen, mit Freunden, mit echten Freunden – zu Hause oder im Café, im Kino oder im Biergarten.

Was ich sagen will: der größte Teil hat überhaupt keine Zeit sich tagtäglich die Welt selbst zu basteln – und selbst, wenn sie wollen würden, wer erklärt Ihnen wie das alles geht? E-Mail ja, Facebook ist simpel und spiegel.de kann jeder in eine Adresszeile eingeben. Aber einchecken in meinem Lokal – wozu? Um Gutscheine abzugreifen? Wenn es mir zu teuer ist, gehe ich nicht hin. Ökonomisch ist der Preis gebildet, mit Gutscheinen ist kein langfristiger Effekt zu gewinnen.

Einige wenige entdecken das Netz als ihr Hobby. Verbinden es mit ihrer Leidenschaft, wie dieser junge Mann, der sich liebevoll um Star Wars Figuren kümmert. Andere gehen lieber Fahrradfahren in ihrer Freizeit, zocken Spiele auf iPad, PS3 oder Wii.

Für mehr haben wir doch gar keine Zeit. Keine rentable Masse will sich eine eigene Zeitung zusammenstellen. Die meisten wissen mit ihrer Freizeit besseres anzufangen.

Nur ganz kurz noch als finaler Gedanke zu diesem komplexen Thema: hier hat Apple wirklich etwas erkannt. Die Dinge, die wir herstellen, müssen einfach funktionieren. Die Leute haben gar keine Zeit – und somit auch keine Lust und Energie – sich damit zu beschäftigen, wie etwas funktioniert. Anderes, sehr gutes Beispiel: ein Telefon. Ich wähle die Nummer von Person X, die ihm fest zugewiesen ist, und es klingelt. Er geht ran oder nicht. Wie das alles funktioniert, weiß kein Mensch. Es interessiert auch niemanden, aber es funktioniert. So und nun personalisieren wir uns mal alle eine Zeitung mit der wir 100 Prozent zufrieden sind. Bwahahaha.

Guten Morgen. Ich muss jetzt mal duschen.

Robert

2011 – der Anfang vom Ende des linearen Fernsehens?

1998 war der Anfang vom Ende der Musikindustrie. Napster ging online. Die Art wie wir heute Musik konsumieren, ist in keiner Weise mit der aus den 90ern zu vergleichen. 2000 markiert den Anfang vom Ende der Zeitungen. Google startete sein Werbeprogramm AdWords. Noch nie konnten Marketingabteilungen ihre Kunden so zielgerichtet erreichen. Schon zwei Jahre später meldete der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger:

In den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres (Januar bis Mai) sind die Anzeigenumfänge im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 14 Prozent (Ostdeutschland minus 17 Prozent) zurückgegangen, wie BDZV-Geschäftsführer Jörg Laskowski ausführte. Neben den Stellenanzeigen (minus 43 Prozent) waren besonders betroffen: Immobilien (minus 15 Prozent, überregionale Anzeigen (minus 11 Prozent), Kfz-Anzeigen (minus 9 Prozent).

Der Verband ging davon aus, dass es vor allem durch die damalige Konjunkturdelle zu diesen Einbrüchen kam. Erholen sollten sich viele Print-Konzerne, vor allem in den USA, seitdem nicht wieder.

Mittlerweile nahm die technische Evolution in Geschwindigkeit und Masse zu. Das Internet ist überall und jederzeit verfügbar, in Ballungsräumen schon jetzt mit einer immensen Geschwindigkeit auf mobilen Endgeräten. Das Format “Zeitung” kann nicht mehr mithalten. Weder in Umfang, Schnelligkeit oder Tiefe noch Aufbereitung der Informationen.

Ein Ende ist nicht absehbar – weder in der Entwicklung von neuen Rezeptionsformen, noch in einer zeitlichen Variable. Die technische Evolution schreitet voran. Mit Tablet-Computern und hochleistungsfähigen Smartphones wird auch der letzte Nicht-Nutzer zu einer aktuellen, videolastigen Zeitungsalternative geführt.

Wird nun 2011 der Anfang vom Ende des klassischen Fernsehens sein? Und ist irgendjemand darauf vorbereitet?

Es geht in diesem Beitrag nicht um das Sterben klassischer Medienfirmen. Schließlich ist der Springer-Verlag heute eine der profitabelsten Medienfirmen in Europa, trotz Zeitungs- und Zeitschriftenkrise. Es geht um einen Rundumblick: wo stehen wir technisch? Was wollen die Nutzer und wie lassen sie sich in Zukunft unterhalten und informieren. Medienfirmen werden nicht aussterben, aber sie müssen sich auf neue Umgebungen und Gewohnheiten einstellen. Und sich fragen wie sehr sie diese neue Umgebung mitbestimmen können.

Kurze Rückblende. Es gibt selten Momente in denen ich es bereue nicht auf Veranstaltungen zu sein, in denen sich Medienmacher die Köpfe rot diskutieren ohne wirklich irgendeine konstruktive Unterhaltung zu führen. Allerdings wäre ich gerne auf den Münchner Medientagen 2010 gewesen, als eine Runde zusammensaß, die – hätte man die Stundenlöhne zusammengerechnet – sicherlich eine kleine Lokalzeitung eine Woche lang hätte finanzieren können.

Während der scheinheiligen Qualitätsdebatte rund um das deutsche Fernsehen, fiel tatsächlich die Erkenntnis: “..und das wird alles noch viel schlimmer, wenn der ganze Schmutz aus dem Internet plötzlich auf einem Fernseher abrufbar wird.”

Vor Ort hätte ich gerne laut gelacht und festgestellt, dass ich noch nie einen so teuren Dornröschenschlaf gesehen habe. Es war erschreckend, wie fern ab von der Realität die lenkenden Medienmenschen Deutschlands schienen, denn niemand widersprach dieser absurden Feststellung.

Das Fernsehen selbst tummelt sich im Internet und funktioniert auf einem handelsüblichen Laptop scheinbar schon sehr gut parallel zu selbigem. Ein Umstand, der auf einem normalen TV-Gerät für viele Fernsehschaffende scheinbar undenkbar ist.

Die Technik – der digitale Geschwindigkeitszuwachs

Im Jahr 2000, als Napster seine Hochphase hatte, dauerte es im Schnitt zehn bis 20 Minuten bis ein Song komplett aus dem Netz heruntergeladen war. Heute ziehen wir uns ganze Kinofilme in weniger als einer halben Stunde auf den Rechner.

Schon jetzt ist die vierte Geschwindigkeitsstufe der mobilen Datennetze erprobt und einsatzbereit. Die Investitionen der Telekommunikationskonzerne werden nicht lange auf sich warten lassen.

Nur noch in wenigen Gegenden Deutschlands ist keine volle DSL-Geschwindigkeit abrufbar. Es ist eine Frage der Zeit bis die letzten Lücken geschlossen sind. Dann bekommt jeder die Möglichkeit Filme, Fernsehserien und digitale Angebote, wie T-Entertain der Telekom (HD über die Telefonleitung inklusive Pause-Taste fürs Live-Fernsehen), abzurufen.

Ein Vergleich mit der Musikindustrie: In rasantem Tempo – stand einmal flächendeckend die Technik zur Verfügung – saugten sich Menschen mangels komfortablen, legalem Angebot, ihre Lieblingsmusik auf den PC. Dank MP3-Player konnte man einfacher denn je eine scheinbar unendlich große Masse an Musik bei sich tragen.

Während in Deutschland die Zahlen der illegalen Musikdownloads seit den harten Kämpfen der Musikindustrie – unter anderem getrieben von der Firma promedia in Hamburg – zurückgehen, sieht es in Großbritannien weiter düster aus. Laut der britischen Musikindustrie stehen 370 Millionen legale Musikdownloads immer noch 1,2 Milliarden illegale Downloads gegenüber. Diese Zahlen sind nicht so einfach zu vergleichen, da nicht jeder illegale Download auch gleichzeitig ein legaler gewesen wäre, würde das illegale Angebot nicht zur Verfügung stehen.

Die Nutzer – die Sucht nach Video

Jede verfügbare Studie und auch die steigenden Zugriffszahlen von großen Videoportalen wie YouTube zeigen einen unumkehrbaren Trend: Videos werden langfristig zum meistgefragten Content im Netz.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der jüngsten ARD/ZDF-Onlinestudie habe ich in diesem Beitrag zusammengefasst. Die Trendkurve geht stark nach oben. Sehr junge Internetanwender suchen mittlerweile häufig über YouTube nach Inhalten, statt zu googlen. Die YouTube Suche hat mehr Zugriffe als Yahoo.

Die Anbieter – veränderte Rollenverteilung

Der Springer-Verlag handelt seit Jahren sehr intelligent. Vielleicht hatten sie zwischendurch auch die Überlegung ins Zugangsgeschäft einzusteigen. Alice stand zum Beispiel mehrmals zum Verkauf. Sie hätten es vielleicht leichter gehabt, als mit der Post oder der ProSiebenSat.1 Mediengruppe, deren Kauf am Kartellamt scheiterte. Alice hat den Italienern zuletzt 900 Mio. Euro gekostet, der Konzernüberschuss Axel Springer AG Q3/2010: 257,6 Mio. Euro – kein Ding der Unmöglichkeit also.

Wer kontrolliert seit geraumer Zeit den Weg des Contents zum Endnutzer? Alice, Vodafone, Kabel Deutschland und die Telekom mit ihren Triple-Play-Angeboten: Fernsehen, Internet, Telefon aus einer Hand.

Das ist insofern wichtig, als dass die Fernsehsender in Zukunft auch von diesen Firmen abhängig sein werden. Denn die Zugangsanbieter haben einen dicken Player in Sachen Unterhaltung mit im Gepäck und bestimmen wer welchen Platz im Hauptmenü der Settop-Boxen bekommt.

Das Internet wird auf dem heimischen Fernsehgerät in wenigen Jahren ganz natürlich aufrufbar sein. Die Nutzer kennen sich in dieser Welt aus, sie lernen gerade mit Apps umzugehen und was es heißt ein Video zeitsouverän und mit Pausentaste zu schauen, ist seit 2005 – der Geburtsstunde von YouTube – allen klar.

2005 war meiner Meinung nach das Jahr, in dem das Ende des klassischen Videokonsums seinen Anfang fand. YouTube wurde von drei Freunden ins Netz gestellt. Mittlerweile werden täglich weltweit über eine Milliarde Videos abgerufen.

Es ist naiv zu glauben, dass YouTube immer nur eine Entertainment-Rolle mit lustigen, kurzen Clips von singenden Katzen und tanzenden Kindern spielen wird.

Es wäre ein leichtes für YouTube, die über ihre Mutterfirma Google mit massig Kapital ausgestattet sind, zu sagen: liebe Produktionsfirma von “Two And A Half Men” wir zahlen euch das Doppelte und bekommen die nächste Staffel exklusiv für YouTube auf Google TV. Über google.com und youtube.com könnte Google eine Werbeaktion starten, die nahezu jeden Amerikaner erreicht und dann wären die Karten gänzlich neu gemischt und die Fernsehsender müssten sich erst einmal in ihrer neuen Welt zurechtfinden.

Bei Bedarf werden Google, die Telekom oder andere plötzlich zu Content Produzenten. Die großen Fernsehsender haben sich aus diesem Bereich zu einem großen Teil zurückgezogen. Kaum einer der großen Fernsehsender produziert im Bereich der Unterhaltung noch etwas selbst. E bleiben Live-Show-Events und informative Formate, wie Nachrichten und Dokumentationen – selbst letztere werden auch bei den öffentlich-rechtlichen häufig extern produziert.

Fernsehen via Internet – missglückte Versuche und Einflussnahme

Einen ersten massiven Versuch den Fernsehmarkt komplett aus den Angeln zu hebeln, haben die großen Medienkonzerne 2010 noch abwenden können. Nach dem Start von Google TV sperrten die Medienkonzerne, vollkommen unbeobachtet von den Kartellwächtern, den Zugang zu ihren On Demand Angeboten und machten das Google Produkt vollkommen unattraktiv. Amerikas beliebteste On Demand Plattform für TV-Angebote, Hulu, war über Google TV nicht abrufbar. Genauso wie die Mediatheken weiterer großer Fernsehsender.

Offensichtlich befürchteten die großen Medienkonzerne, dass ihnen das gleiche Schicksal wie den Verlagen droht. Sie stellen Google “kostenlos” ihre Inhalte “zur Verfügung” und Google kassiert für die Werbung – eine weiterhin sehr eigenwillige Interpretation der Situation. So leicht wollte man es dem Internetgiganten nicht machen. Nicht beim ersten Versuch.

Die Fernsehsender haben ihre eigene Vorstellung vom Internet auf dem Fernseher. In Form von Standards, die verhindern sollen, dass die größte Werbefläche in heimischen Wohnzimmern plötzlich an andere geht. Irritierenderweise haben Fernsehsender eine eigenwillige Rolle im kommerziellen und rentablen Unterhaltungsbereich eingenommen. Sie sind der Filter zwischen Produktionsfirmen, die die Inhalte herstellen und dem Konsumenten.

Sie erreichen über die Verträge mit den Landesrundfunkanstalten Millionen von Menschen und kontrollieren auf diesem Wege nicht nur in einem gewissen Maß die Politik, sondern auch die Kosten, die Produktionsfirmen für ihre Produkte aufrufen können. Schließlich zahlt der Endkonsument nicht selbst, sondern ein Fernsehsender als Mittelsmann, der bisher nicht fürchten muss, dass die Produkte anderweitig abrufbar sind und der Endkonsumt sich somit vom klassischen Weg der Konsumierung abwendet – wie es der Musikindustrie plötzlich passiert ist.

Die hatten das Geschäft zum Endkonsumenten nie unter Kontrolle. Sie besaßen keine CD-Läden, sie mussten sich nie Gedanken machen auf welchem Weg ihre Musik den Konsumenten erreicht. Sie kümmerten sich um Talente und deren Vermarktung. Plötzlich gab es Napster und es wurde für den Konsumenten deutlich einfacher. Die Plattenfirmen erwachten aus ihrem zugedröhnten Dornröschenschlaf und fanden sich in einer neuen Welt wieder. Das Produkt erreichte immer noch den Kunden, jetzt über andere Kanäle, ohne, dass irgendwo Geld zurück an die Contentproduzenten floss.

Den Fernsehanstalten kann das so schnell nicht passieren. Sie schließen ihre Verträge direkt mit der Politik, aber der Markt wird diffuser. Nicht nur immer größere Digitalangebote über Satellit, Kabel und Internetleitungen machen den Markt schwer kontrollierbar. Hinzu kommen unabhängige Mediatheken und Abrufplattformen, die bisher nicht auf dem klassischen TV-Gerät abrufbar sind.

Auf dem Laptop, auf dem sich das klassische Fernsehen direkt mit dem Internet seinen Platz erkämpfen muss, sieht die Lage schon anders aus. Laut ARD/ZDF Onlinestudie 2010 schauen 58 Prozent der Onliner Bewegtbild auf Videoportalen. Dagegen stehen nur 15 Prozent, die live am Laptop Fernsehen schauen. Dieser Wert ist um drei Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken.

2011 – die Regeln ändern sich

Um das zu verhindern haben sich zum Beispiel die deutschen Fernsehschaffenden auf das Format HbbTV geeinigt. Der Red Button, der seit Jahren digitale Zusatzangebote in Großbritannien zur Verfügung stellt, soll nun endlich nach Deutschland kommen. Und das obwohl der Red Button schon wieder vom iPlayer der BBC, der nicht nur über TV Geräte sondern vor allem auch über Spielekonsolen, wie die Nintendo Wii und Playstation 3 von Sony, abrufbar ist, zurückgedrängt wird.

Wer sich mit HbbTV auseinandersetzt, bekommt schnell das Gefühl, dass hier jemand das Internet kastriert. Videotext 2.0, Zugang zu den sendereigenen Mediatheken, interaktive Werbung, dazu ausgewählte Webangebote. Noch deutlich geschlossener als Apples iPhone. HbbTV ist ein Gegenentwurf zu Google TV, kontrolliert von den Fernsehanstalten. Die große Fläche wird freigehalten für Werbung, die die eigene Sales-Abteilung verkauft.

Ohne Glaskugel oder andere Tricks lässt sich vorraussehen, dass Google einen zweiten Anlauf mit seiner Fernsehplattform nehmen wird. Spannend wird ebenfalls ein Blick auf die anderen Player, die sich in diesen Markt reinbewegen werden.

Seit Jahren erkämpft sich Apple Stück für Stück einen kleinen Platz in den Wohnzimmern mit der Mini-Settop-Box “Apple TV”. Seit dem letzten Update und der Reduktion auf eine reine Streamingeinheit für iTunes Inhalte ist das Gerät auch noch ein kleiner Erfolg. Zumindest ist es mittlerweile mehr als ein Hobby, als das es Steve Jobs bisher immer bezeichnet hat.

Eine Fortführung der Apps-Technologie auf Apple TV erscheint nur logisch und für dieses Jahr überfällig. Das würde auch den Fernsehsendern eine Möglichkeit geben ihre Inhalte via App auf den Fernseher zu streamen. Die Frage ist, wie oft die Leute dann noch zurück zum normalen, linearen Fernsehprogramm schalten werden. Zusammen mit dem iPhone, iPod touch und iPad hat Apple den Leuten über die letzten Jahre auch noch eine Fernbedienung in die Hand gegeben, die es so in den Wohnzimmern auch noch nicht gab. Dazu hatte ich mal etwas im März letzten Jahres geschrieben.

Die Frage, die wir jetzt schon beantworten können ist folgende: Lässt sich eine Evolution aufhalten? Nein. Denn sie kommt von unten und breitet sich über eine große Masse von Menschen aus. Sie bildet einen großen Fluss, der sich im Fall des Netzes seit dem Ende der 90er langsam einen Weg durch unseren Medienkonsum sucht.

Am Ende wird auch hier nicht bestehende Marktmacht entscheiden. Zuletzt musste das Microsoft spüren, als die Firma einen zeitgemäßen Sprung aufs Handy verpasste oder Nokia als sie den Weg zum Smartphone scheinbar vollkommen verschlafen haben und sich von Anbietern wie Google und Apple, die zuvor reichlich wenig mit mobilen Telefonapparaten zu tun hatten, abhängen ließen.

Am Ende entscheidet der Nutzer und das beste Angebot. Der Übergang wird schleichend stattfinden, die großen Player positionieren sich und geben ihr Bestes die gemachten Fehler von Musikindustrie und Zeitungsverlagen zu vermeiden. Am Ende entscheidet der Nutzer und das beste Angebot. So funktioniert jeder freie Markt. Wer die Linien logisch weiterdenkt, kann sich darauf einstellen, Zeit ist noch. Für uns Nutzer wird es eine neue, schöne Videowelt.

Wikileaks: Eine Frage zur Diskussion

“Wikileaks has probably produced more scoops in its short life than The Washington Post has in the past 30 years.” (The National)

Bisher habe ich das noch nicht probiert, aber es ist ein Versuch wert. Eine Frage beschäftigt mich rund um Wikileaks. Es ist unverkennbar, dass die Seite über die letzten Jahre an Bekanntheit hinzugewonnen hat. Mit den ersten Veröffentlichungen hat man sich außerdem das Vertrauen erkämpft, die Anonymität der Quellen scheinbar tatsächlich zu schützen.

Das alles kann aber keine Begründung sein, warum solche brisanten Dokumente eher einer solchen Plattform zugetragen werden als den klassischen Medien, die sich seit Jahrhunderten in der Enthüllung von vertraulichen Informationen üben.

Also: wieso haben es die klassischen Medien nicht geschafft, über die letzten 400 Jahre genügend Vertrauen aufzubauen, damit die Menschen, die vertrauliche Informationen teilen wollen, direkt zu ihnen gehen sondern sich einer sehr neuen, relativ unbekannten und – vor allem – grundsätzlich unberechenbaren Internetseite mit unbekanntem Auftrag und keinerlei offensichtlichen Verpflichtung, außer gegenüber sich selbst, zuwenden?

Das ist ein sehr spannendes Phänomen. Ich würde mich über eine Diskussion, frei von Polemik, freuen.

Das 1×1 der Apple-Berichterstattung

Liebe Kollegen,

es gibt da eine gewisse Uneinigkeit und eine daraus resultierende Unsicherheit in der Frage “wann ist eine Apple-Meldung eine Meldung für mein Medium?”.

Der Finger wird in letzter Zeit bei den klassischen Medienmarken (waren mal Print oder sowas) schnell gezückt, tauchen neue Apple-”Meldungen” auf. So ist zu lesen, dass Apple im kommenden iPhone eine eigene SIM-Karte platzieren will, selbiges Projekt aber schon wieder aufgegeben hat, weil sich achsoviele Mobilfunkprovider gar nicht begeistert zeigten; dass das neue iPad auch schon im Februar 2011 kommen wird; dass es demnächst eine iZeitung von Steve Jobs und Rupert Murdoch geben wird und, dass es eine neue Version des Apple-Mobile-Betriebssystem iOS gibt.

Nun. Eine Meldung davon ist eine Meldung. Der Rest ist wilde Spekulation, Gossip, Pop, Tratsch und Klatsch.

Hier die wichtigsten sechs Punkte für die Berichterstatter aus den Multimedia-Ressorts.

1. Beschränken Sie sich auf Fakten.

2. Beschränken Sie sich auf Fakten.

3. Beschränken Sie sich auf Fakten.

Daraus resultieren die Tipps vier bis sechs:

4. Verzichten Sie auf Gerüchte.

5. Verzichten Sie auf Gerüchte.

6. Verzichten Sie auf Gerüchte.

Ich habe mich selbst drei Jahre für den NDR daran gehalten. Apple macht es einem auch überhaupt nicht schwer.

Zum Vergleich – apple.com bei einem Fakt (Die Beatles kommen in den iTunes Store, 16. November 2010):

Beatles im iTunes Store

Beatles im iTunes Store

Apple.com am Tag eines neuen Gerüchts:

…also hier ist dann eben eine ganz normale Apple-Seite zu sehen, die keine Neuigkeiten verkündet.

Sie haben davon sehr viele Vorteile, liebe Kollegen:

1. Sie bleiben bei der Wahrheit.

2. Sie hypen immer nur die aktuelle Neuigkeit und können selbige – basierend auf Fakten – auch gleich zerreissen.

3. Sie müssen sich nicht mehr über den Hype von viel zu vielen Meldungen rund um Apple aufregen.

4. Sie müssen keine Gerüchte mehr dementieren, von denen es nie eine Bestätigung gab, was Sie immer wieder in einem saublöden Licht erscheinen lässt.

5. Sie haben Zeit sich um andere belegbare Tech-Geschichten zu kümmern.

Wissen Sie, wem Sie nämlich auf dem Leim gegangen sein könnten? Apple selbst. Woher wir das schon längst alle wissen? Naja, die meisten von Ihnen haben darüber berichtet.

Falls Sie nun nicht wissen, welche der obigen Meldungen eine Meldung wert ist: Die neue Version vom iOS gibt es tatsächlich – seit 19 Uhr deutscher Zeit (22. November 2010).

Mit besten Grüßen

Robert Kindermann

PS: Mit diesem kleinen, sauber in Schriftgröße 12 abgehandelten, Leitfaden sollen in keiner Sekunde die unzählige Apple-Gerüchteblogs und -Meinungsseiten angesprochen werden. Die machen ihren Job (gut bis ganz okay).

Begeben Sie sich direkt ins Gefängnis und ziehen Sie 1000 Euro ein.

“We are family”, werktags 15.00 Uhr im Qualitätsprivatfernsehen ProSieben – produziert von GoodChoice TV.

Diese Show tut Gutes!

In den eBay Kleinanzeigen wirbt die Produktionsfirma mit einer Aufstockung für die Haushaltskasse. 1000 Euro warten da.

Die gesuchten Probleme kennt jeder. Es handelt sich ausschließlich um Privates, das unbedingt im Fernsehen geklärt werden sollte:

  • Ihr Kind oder Partner muss ins Gefängnis?
  • Diagnose “Krebs”… was nun?

Aber eigentlich ist alles gar nicht so schlimm, denn: “Generell versuchen wir im Rahmen der Sendung gemeinsam mit Experten eine professionelle Lösung zu finden.”

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Von der Gefahr den Gates zu machen – zu den Medientagen 2010

Bill Gates ist ein unglaublich reicher Mann. Er hat mit dem Betriebssystem Windows und seiner Firma Microsoft die Welt in den 90ern massiv revolutioniert.

Nur dann hat er, aus für mich absolut unerklärlichen Gründen, das Internet für nicht zukunftsfähig erklärt. Vielleicht hat ihn irritiert, dass Steve Jobs iMacs herstellen ließ. Das “i” stand einmal für “Internet” und bisher hatte noch nichts so richtig funktioniert, was Steve Jobs gestartet hat. Zumindest nicht kommerziell im Vergleich zu den Erfolgen von Microsoft.

Folge: der Internet Explorer brauchte Jahre, um doch noch Marktführer zu werden, nur um jetzt wieder an Bedeutung zu verlieren (gerade im privaten Bereich), Angebote wie MSN, Windows LIVE und BING mussten und müssen sich ihren Platz erkämpfen. Es hat lange gedauert, bis eine klare Strategie im Onlineangebot von Microsoft erkennbar war. Jetzt versucht der Laden auch auf dem Smartphonemarkt zu retten, was noch zu retten ist. Ein paar Marktanteile zwischen iOS, Android und Blackberry soll sich Windows Phone 7 sichern.

Bisher konnte Microsoft mit viel Geld seine Produkte zumindest mit viel Macht in den Markt drücken – auch nachträglich. Beim Internet Explorer hat das geklappt und auch BING ist der erfolgreichste webbezogene Launch seit langer Zeit.

Eine gewisse Arroganz sorgte dafür, dass Microsoft nach der Jahrtausendwende davon ausging, dass alles was mit und auf einem PC passiert, aus Redmond (dem Sitz der Zentrale in den USA) gesteuert werden kann. Und solange sollte auch die Marktführerschaft auf allen Bereichen, die irgendwas mit einem Computer im Privatbereich zu tun haben, bestehen bleiben.

Hart musste Microsoft spüren, dass am Ende nicht die Logik des Marktes oder bestehende Macht über die Zukunft entscheidet, sondern der Nutzer.

Daraus kann jeder wirklich viel lernen. Wir können da auch einen kurzen Blick zu Steve Jobs wagen. Er geht gänzlich und einzig vom Nutzer aus. Viele sagen er führe den Laden wie ein Diktator und setzt seinen Willen durch. Ich glaube das nicht. Apple überlegt sich ganz genau: Wollen das die Leute? Und wenn ja, funktioniert es auch so, dass es jeder versteht?

Wer den aktuellen “Bill Gates”‘ der Medienbranche in München zuhört, möchte meinen, dass sie auch gerne mit aller Macht die bestehenden Konstruktionen so belassen wollen, wie sie sind. Sie haben Angst vor dem Internet auf dem Fernseher – gleichzeitig haben sie kein Problem mit dem Fernsehen auf internetfähigen Laptops. Sie befürchten die Vermischung von Rundfunk und Wildfunk, sie sehen immer noch einen Unterschied zwischen einem großen 27″ Monitor mit einem Kabel zur Internetdose und einem Fernseher, der an einem anderem Stecker hängt.

Und es ist besonders irritierend, dass in der “Elefantenrunde” zum Auftakt der Medientage noch einmal innerhalb der kurzen Qualitätsdebatte (schlimmes, schlimmes RTL) darauf hingewiesen wird, dass das was mit dem Internet auf den Fernseher kommt, noch alles viel schlimmer und widerwärtiger wäre als alles was wir bisher sehen. Als gäbe es das Internet bisher nur in dunklen Hinterräumen von irgendwelchen Kneipen und dort sei immer noch nicht geregelt, was gezeigt werden darf und was nicht.

Da fragt man sich schon, wie realitätsfern diese Menschen sind und ob sie mitbekommen was gerade passiert. Viel schlimmer noch: Verfallen sie auch dem Glauben, dass sie als reine Contentlieferanten die technischen Verbreitungswege steuern könnten? Das war noch nie so und wird auch in Zukunft nicht sein. Wie sich Medienfirmen darauf einstellen mussten, dass es nach dem Buchdruck irgendwann Radio und später irgendwann das Fernsehen gab, kann jetzt nicht gefordert werden: Entwicklung stopp, uns geht das alles ein wenig zu sehr kreuz und quer.

Was gerade passiert ist längst keine Revolution mehr. Es ist pure Evolution. Es gibt keinen Knall, wie bei der Internetblase, es gibt auch keine Pressemitteilung vom “Internet” in der steht, dass jetzt alles anders läuft und es werden erst recht keine roten Knöpfe gedrückt. Es kommen einfach noch mal neuere Fernseher von Sony und Co., es kommen noch leistungsstärkere Handys und Tablets von Apple und Co. und Google wird auch nicht aufhören das Internet zu sortieren und auszulesen nur weil es sich ein paar Medienschaffende anders überlegen. Wer immer noch glaubt, lineares Fernsehen wird in zehn Jahren noch existieren, hat die letzten zehn Jahre gnadenlos ignoriert.

Man kann nur hoffen, dass das alles eher Spaß ist, was viele vorgeben zu glauben und sie sich einfach nicht in die Karten schauen möchten. Ansonsten wird das für alle ein großer Knall in den kommenden Jahren.

Das iPhone als presserechtsfreier Raum?

Schon wieder so eine irreführende Diskussion, die von scheinbarem Unwissen geprägt ist. Es ist eine ganz andere Geschichte wenn Apple plötzlich unzählige iPhone Apps löscht und damit einigen Programmierern die Lebensgrundlage entzieht. Außerdem ist das undurchsichtige Zulassungssystem für neue Applikationen ein unkalkulierbares Investitionsrisiko.

Nur vielleicht sollte man sich noch einmal auf die Geschichte der iPhone Apps, von denen vor zwei Jahren noch kaum jemand geredet hat und erst Recht niemand ahnen konnte, dass deren Existenz auch tausende Arbeitsplätze töten könnte.

Als Apple das erste iPhone vorstellte, war Steve Jobs der Überzeugung, dass es Apple vorbehalten sein sollte überhaupt Apps herzustellen. Entwickler sollten doch bitte auf sogenannte Web-Apps setzen, also ihre eh schon bestehenden Webseiten an das iPhone anpassen und alle Anwendungen darüber laufen lassen.

Hintergrund: Apple wollte verhindern, dass Programme die Funktionsfähigkeit des Gerätes einschränken und das “Gefühl” bei der Bedienung kaputt machen.

Nach kurzer Zeit entschied man sich aber dazu die Welt an den neuen Verdienstmöglichkeiten mit “Apps” teilhaben zu lassen. Apple sah einen kommenden Goldrush für Entwickler und sich selbst. Und Verlage sahen plötzlich Licht am Horizont.

Nun hat Apple spontan unzählige Applikationen gelöscht, die ihrer Meinung nach zu offensiv mit nackter Haut umgingen. Die Regeln sind irritierend, nicht nachvollziehbar und werden scheinbar willenlos angewendet.

Leidtragender war auch das Magazin “Stern“. Wegen einer Slideshow mit nackten Brüsten flog die Applikation aus dem App-Store.

Der Aufschrei erinnert ein wenig an den Aufschrei gegen eine geplante Applikation der Tagesschau. Auch in ihrer Arroganz:

“morgen sind es wichtige gesellschaftliche und politische Themen, die den Verantwortlichen von Apple missfallen. Das ist Zensur und davor müssen wir uns schützen”. (Wolfgang Fürstner, Geschäftsführer des Zeitschriftenverbandes VDZ gegenüber Spiegel Online.)

“Es ist eine Art pressrechtsfreier Raum, der da entsteht.” (Axel Postinett, Redakteur Abendblatt gegenüber dem NDR-Magazin Zapp)

Nein. Es ist keine Zensur und es entsteht auch kein pressrechtsfreier Raum. Warum? Weil alle Slideshows mit Halbnackten, gänzlich Nackten und Bikinidamen, die die Klickstrecken der großen Onlineportale füllen, weiterhin auf dem iPhone verfügbar sind. Sogar, oh Schreck, Hardcorepornos sind auf dem iPhone abrufbar.

Wie?

Über das Internet. Wer den Safari-Browser öffnet, kann ganz normal www.bild.de eingeben. Oder auch stern.de oder youporn.com. Nur eben ohne App-Store und ohne eigenes Vergütungsmodell. Das haben die Verlage für ihre eigene Webportale schließlich immer noch nicht gefunden.

Dauerverarschefernsehen

Fernsehserien halten sich größtenteils an ein Script. Beim Tatort ist das so, bei Alarm für Cobra 11 auch. Irgendwann hatten die Fernsehsender allerdings immer weniger Geld und sie konnten sich keine ausgebildeten Schauspieler mehr leisten.

Dazu kam noch ein weiteres Phänomen: Reality-Doku-Soaps brachten Quote. Und waren günstig.

Leider ist die Realität manchmal sehr langweilig. Deshalb hilft die Produktionsfirma gerne nach. Mit einem festen Script. Dann braucht man das Team nur noch zum Abdrehen der vorgeschriebenen Szenen. Das spart Zeit und Geld. Und die Quote stimmt im Zweifel auch.

Zur Zeit wird über dieses Thema viel geschrieben, aber wenig diskutiert. Hier eine Übersicht der Artikel in der vergangenen Zeit:

Einige Foreneinträge im Internet zeigen sehr deutlich, dass einige Zuschauer nicht genau wissen, was gefakt und was echt ist.

RTL behauptet dagegen gegenüber BILD.de:

„Die Sendungen sind im Abspann klar als fiktive Stoffe gekennzeichnet.“ (RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer)

Damit endlich mal diskutiert wird, hier zwei Vorschläge wie so etwas deutlich gemacht werden könnte:

Screenshot der Sendung "Verdachtsfälle" bei RTL - Quelle: rtlnow.de

Screenshot der Sendung "Verdachtsfälle" bei RTL - Quelle: rtlnow.de

Screenshot der Sendung "Verdachtsfälle" bei RTL - Quelle: rtlnow.de

Screenshot der Sendung "Verdachtsfälle" bei RTL - Quelle: rtlnow.de

ZEIT ONLINE: “Nachrichten gegen Geld ist kein Modell für uns”

Lars Hinrichs (Gründer von XING) & Rainer Esser (Geschäftsführer von DIE ZEIT) waren zu Gast in der Sendung “Abendjournal Spezial: Mit Eigensinn” bei NDR 90,3.

Die beiden Gäste sorgten für ein angeregtes Gespräch. Hinrichs, der laut eigener Aussage keine Zeitungen und Zeitschriften mehr kauft, sondern nur noch online konsumiert, und Esser, der den Spagat zwischen klassischer Verlagskultur und neuen Medien versucht und meiner Meinung nach immer besser umsetzt.

Es war eine kleine Kuschelrunde, das vorweg. Umso spannender waren die Meinungen beider Seiten. Beide kannten sich schon aus früheren Gesprächen. Rainer Esser konnte noch nicht bei XING Mitglied werden. Obwohl Hinrichs ihm eines kostenlose Mitgliedschaft schon mehrfach angeboten hat.

“Die Zeit ist so erfolgreich wie nie zuvor”, stellt Moderatorin und Direktorin des Landesfunkhauses Hamburg beim NDR, gleich zu Beginn fest und zeigt somit sehr einfach, dass die derzeitige Verlags-Krise nicht dem Internet geschuldet sein kann.

Rainer Esser glaubt zu wissen warum das so ist: “Redaktion und Verlagsabteilungen arbeiten eng zusammen. Und wir sind sehr innovativ. Jeder einzelne im Haus sieht, was sein Beitrag zum Erfolg beiträgt und das sorgt für eine unglaubliche Motivation.”

20 Prozent hat DIE ZEIT an Auflage zugelegt. Umsatz und Ergebnis liegen noch stärker im Plus. 40 Redakteure wurden für ZEIT ONLINE insgesamt bisher eingestellt.

Und: “Die Zeit hat auch einen starken Online-Arm, der dynamisch in den letzten Jahren gewachsen ist. Das ist auch ein Teil des Erfolges.”, so Esser.

Esser stellt weiter fest, was viele immer noch zu unterschätzen scheinen: “Wenn ich alles zusammenrechne: alle Wohltaten, alle Abonnenten, die wir über online bekommen. Dazu die Stärkung der Reputation, Modernisierung der Marke – da würde ich sagen, dass wir uns mit Online langsam Richtung Break-Even bewegen.”

Geld wird immer noch über die Anzeigen im Heft, die Vertriebserlöse und durch Seitengeschäfte (Buchreihen, Veranstaltungen, Zeitschriften, Merchandising) verdient. Er hält diese Vielfalt für ein Zukunftsmodell. Dazu gehört auch Qualität.

Hinrichs würdigt das: “Herr Esser hat eine sehr starke Print- und eine sehr starke Online-Marke. Es wird immer die Kombination gewinnen.”

Ganz klar ist für Esser die Paid-Content-Strategie. Ein Modell, wie es das Hamburger Abendblatt fährt – also einzelne Beitäge gegen Geld – kommt für Esser nicht in Frage: “Online kann man gut verdienen, wenn man besondere Dienste anbietet. Aber wenn ich Nachrichten anbiete, die eine ganze Reihe von Anbietern kostenlos anbietet, kann ich dafür kein Geld verlangen.”

Der größere Anteil von ZEIT ONLINE bleibt also auch weiterhin umsonst. Aber mit kommenden, neuen technischen Innovationen – wie dem iPad – ist es denkbar, dass zum Beispiel die Original-ZEIT auf so einem Gerät digital gegen Geld abrufbar sein wird.

Hinrichs macht im Gespräch auch mehrfach deutlich, dass man für das reine Abrufen von journalistischen Texten kein Geld verlangen kann. Er spielt den Traffic-Ball: je mehr Benutzer eine Seite besuchen umso mehr Anzeigen werden geschaltet, umso mehr Geld wird damit verdient.

Eine Rechnung, die meiner Meinung nach nicht ganz korrekt ist, denn unterschiedliche Inhalte kosten unterschiedlich viel Geld, bringen aber nicht unbedingt mehr Werbeeinnahmen. Gerade hart recherchierte Randthemen, die nur wenige Leute interessieren, werden kaum abgefragt, sind aber von gesellschaftlicher Relevanz und müssen bearbeitet werden.

Laut Esser sind ebenfalls die Journalisten stärker gefordert. Zum einen im Bereich des Produzierens. Aber auch in Sachen Kreativität: “Wir müssen uns in den Verlagen immer wieder neue Dinge ausdenken, um mit unserer Zielgruppe in Kontakt treten.” und weiter: “Der Drang für Journalisten sich verändern zu müssen ist genauso groß. Sie müssen sich viel mehr auf das einstellen, was ihre Leser lesen wollen.”

DIE ZEIT selbst hatte ihre Krisen laut Esser vor zehn Jahren: “Da haben wir beschlossen, dass wir, wenn es um Innovation geht, ganz vorn dabei sein.” Sie wollen sich auch weiterhin sofort darauf einstellen, “wenn sich die Welt da draußen verändert.”. Vielleicht hatte DIE ZEIT also das Glück, dass die eigene Krise schon überstanden war.

Es lohnt sich die ganze Stunde zu hören - in der NDR Mediathek.