Zur Diskussion um die Web-Tagesschau: verfrüht, überzogen, unverhältnismäßig

Super-GAU, Persilschein, Kampfansage. Die Reaktionen auf ein internes Papier des NDR-Rundfunkrates, das dem Spiegel vorliegt, können überzogener kaum sein.

Es ist immer noch für alle ungwohnt und es wird noch einige Zeit vergehen müssen, bevor sich alle an die neuen Gegebenheiten in der digitalen Welt gewöhnt haben: Verleger und öffentlich-rechtliche Angebote finden plötzlich auf den gleichen Plattformen statt.

Dem Internet-Nutzer ist es egal, ob die Einen früher Papier bedruckt und die Anderen Bänder bespielt haben. Jetzt erarbeiten alle ihre eigenen Web-Angebote für verschiedene Plattformen und stehen in direkter Konkurrenz. Nicht nur, wie bisher, um das Medien-Zeitbudget sondern um konkrete Klicks und andere messbare Werte, die für die Einen bares Geld bedeuten.

Eigentlich exisitiert das “Problem” seit der Erfindung des Internets. Nur zur Zeit wird vor allem im Hause der Verleger deutlich welche Bedeutung diese Entwicklung hat und welchen Lauf sie nehmen wird. Mit Apples iPad haben sie auf einmal die Zukunft gesehen: ihre Zeitungen werden vielleicht doch in der alten Form digital weiter existieren können, für Geld. Aber eben nicht außerhalb der Konkurrenz von GEZ-finanzierten Inhalten, so wie es am Kiosk bisher der Fall war.

Vielleicht sollten sich die Verleger noch einmal mit den Chefs der privaten Fernsehanbieter unterhalten. Dort gibt es die Ko-Exisitenz seit den 80er Jahren. Und trotzdem: die “Privaten” waren bei “den Jungen” nie so erfolgreich, wie zur Zeit. Auch im Netz also kann es für die Verleger gar nicht der Untergang des Abendlandes sein, wenn Tagesschau.de in Grundzügen ähnliches darf wie Zeit-Online.

Bei der ganzen – überhitzten – Debatte um die Erfüllung des 3-Stufen-Tests von Tagesschau.de wird etwas ganz vergessen: Die Tagesschau ist ein – entschuldigen Sie, geschätzter Kollege Gniffke – Spartenangebot. Ein aufwendig produziertes, sehr teures, gesellschaftlich unersetzbares und nur in dieser Finanzierungsform mögliches Angebot mit einer stark fokussierten Ausrichtung. Jetzt werden einige schreien: Moment, die Tagesschau hat jeden Abend nahezu zehn Millionen Zuschauer allein im Ersten. Was ist daran Sparte?

Es ist die Themenauswahl – und die erstreckt sich in dieser Form auch auf alle Online-Angebote von Tagesschau.de. Es ist die große Politik, die bei anderen Sendern nur noch wenige Minuten Zeit eingeräumt bekommt. Es sind weltpolitische Zusammenhänge, Krisenherde weit entfernt von der eigenen Haustür, es sind globale, komplizierte und ungemütliche Themen, die sich die großen Privaten in dieser Ausgiebigkeit nicht trauen.

Die wenigsten Menschen informieren sich rein über die Tagesschau. Sie schauen auch RTL Aktuell, Punkt 12, Taff, bei den Jungen sind es sogar sehr oft die RTL  2 News. Das ist online nicht anders. Wer nur tagesschau.de ansurft, bekommt vieles von dem was Spiegel.de, Stern.de oder gar BILD.de bietet nicht – das ist gewollt so und gut so. Es ist also reinste Stimmungsmache wenn Vorstandschef schreiben, dass eine Tagesschau-Applikation für das iPhone tausende Arbeitsplätze kosten wird:

“Wenn sich bezahlte Applikationen auf mobilen Geräten nicht durchsetzen, wird dies Tausende Arbeitsplätze in der Verlagsbranche kosten” (Mathias Döpfner, Vorstandschef Axel-Springer im Focus)

Noch bizarrer wird es bei der Betrachtung anderer Angebot auf dem iPhone: Stern.de und andere sind im übrigen längst mit einer kostenlosen App auf dem iPhone vertreten. Allein dieser Umstand zeigt wie wenig Substanz in der aktuellen Diskussion steckt.

Jetzt wird also gegen das gesamte Online-Angebot der Tagesschau gewettert. Spiegel Online schreibt:

“Der neue Rundfunkstaatsvertrag würde zur Farce, die private Konkurrenz düpiert.”

Nein, der Rundfunkstaatsvertrag ist sicher keine Farce. Es gibt eine knallharte Negativliste, die den Online-Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Anstalten ohne großartige Begründung bestimmte, über die Verleger-Lobby durchgedrückte Punkte, verbieten.

Außerdem kooperieren viele Verlage schon jetzt mit den Online-Ablegern von ARD+ZDF. Zeit.de bindet die 100-Sekunden-Ausgabe der “Heute” ein, andere die “Tagesschau in 100 Sekunden“. Der Tagesspiegel kooperiert zukünftig mit dem RBB.

Gerade die Tagesschau und tagesschau.de sind Angebote, das wichtiger kaum sein können für eine demokratische Gesellschaft. Eine unabhängige, journalistische Berichterstattung, und damit Dokumentation, digitalisiert auf alle Zeit. Das könnten natürlich private Anbieter ebenfalls erarbeiten. Werden sie aber nicht, allein aus finanziellen Gründen und was passiert mit den Archiven, wenn Spiegel-Verlag oder Holtzbrinck in 25 Jahren doch mal pleite gehen?

Es geht also um weit mehr. Während die Verleger vor allem von wirtschaftlichen Interessen in knappen Zeiten getrieben sind und im Fieberwahn gegen die öffentlich-rechtlichen hetzen. Dabei übersehen sie auch, dass tagesschau.de nicht einmal – wie im Radio die Programme der öffentlich-rechtlichen und im Fernsehen das Erste und das ZDF – die Marktpreise für Werbung mitdiskutieren.

Schrecklich müssen sich die Vorstandschef fühlen zur Zeit. Eingekeilt zwischen Google und den öffentlich-rechtlichen. Da hilft scheinbar nur lautes Gebrülle, unseriöse Berichterstattung und Stimmungsmache auf Kosten eines Systems, das durch diese Art in Frage gestellt wird. Das kann wirklich niemand ernsthaft wollen. Denn: das duale Rundfunksystem ist eine wichtige Säule unserer Demokratie.

Denn wenn die Tagesschau im Netz nicht darf, was andere dürfen, wird sie zwangsläufig verschwinden, da in wenigen Jahren nur noch das Netz – die digitale Welt – existiert.

Disclosure: ich arbeite seit vielen Jahren für den NDR und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dieser Artikel spiegelt meine persönliche Meinung wieder und nicht zwangsläufig die des NDR. Update: ich arbeite weder für die Tagesschau oder tagesschau.de, noch ARD-Aktuell.

Die Reaktion vom derzeitigen ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust.