Über AOL lästert die Internet-Welt. Zugangsgeschäft abgegeben, vom Global Player zum langweiligen Onlineportal. Jetzt sind fast alle europäischen Standorte dicht. Dabei zeigt AOL den Verlagen wie sie im Internet immer noch mehr Geld verdienen könnten als bisher.
Eines der besten Beispiele im AOL-Kosmos war der Hollywood-Gossip-Blog “TMZ.com“. Die Frage, ob die Arbeit der “Journalisten” moralisch okay ist oder nicht, sei für einige Zeilen auszublenden. Mit “TMZ” hatte AOL bis zum Split mit Time Warner eine der erfolgreichsten Gossip-Seiten im Netz.
Über diese Seite wurde die Welt zum Beispiel darüber informiert, dass ein Krankenwagen zum Haus von Michael Jackson gerufen wurde. Außerdem wurde der Videobereich massiv ausgebaut, eine eigene TV-Sendung ist entstanden und an manchen Tagen streamten die Macher Livevideos aus den Vorgärtern der Promis. TMZ.com ist das FoxNews der amerikanischen Gossip-Szene. Einnahmen 2008: 25,4 Millionen US-Dollar (ca. 17,6 Mio. Euro).
Ein anderes Beispiel ist die Seite “GNN.com – Good News Now” – eine Seite, die ausschließlich gute Nachrichten verbreitet. In der rechten, oberen Ecke zählt ein Countdown die Stunden zum Wochenende. Andere Seiten des AOL-Netzwerkes sind: popeater.com (Gossip) oder moviefone.com (Kino).
Die Strategie von AOL ist klar: Content-Portale zu verschiedenen Themen sollen in ihren Segmenten Marktführer und gewinnträchtig werden. Denn mit klar ausgerichteten Inhalten, lassen sich klare Zielgruppen erreichen und gezielte Werbeblöcke schalten. Man muss die Nutzerdaten gar nicht bis zur Perversion auswerten. Zusätzlich können einzelne Marken so mit Kompetenzen aufgeladen werden, die sich bezahlt machen und auch auf andere, klassische Medien übertragen werden könnten.
Bei der Präsentation der aktuellen Quartalszahlen sagte AOL-Chef Tim Armstrong zu den Zielen der kommenden Monate:
“1. in content, building content platforms for journalists on the web, matching technology with content can capture large audiences.
2. In advertising want to help brand advertisers transition to the Web
3. Communications, working on new platform
4. Paid services, we will be testing services and subscriptions in 2010″
Das ist mehr als viele deutsche Verlage vorweisen können. Die konzentrieren sich zur Zeit lieber darauf rumzumeckern und den technischen Fortschritt allgemein in Frage zu stellen. Nebenbei probieren sie undurchsichtige Paid-Content-Modelle.
In Deutschland haben Verlage größtenteils ein irritierendes Konzept: sie versuchen alle, Alles zu machen. Mit wenig Leuten, wenig Geld und wenig Erfolg. Sueddeutsche.de, stern.de, focus.de, faz.de – größtenteils verzichtbar. Der Inhalt unterscheidet sich nicht mal mehr in der Qualität der Beiträge. Weil sie es so aus ihren Kernmärkten im Print kennen, wird viel, möglichst schnell und kostengünstig online gestellt. Und die Marken verwässern immer stärker. Oder wer kann sagen wofür FAZ.de steht und wo es sich genau von sueddeutsche.de unterscheidet?
Auch ZEIT-Online, die ein, meiner Meinung nach, starkes Text-Online-Angebot produzieren, haben Probleme sich von Spiegel.de abzugrenzen. Das mag auch an der optischen Aufmachung der Seite liegen. Grundsätzlich positioniert sich die Zeit aber immer besser im Online-Sektor, auch die Zuwachsraten versprechen Gutes. Die Meinungsstärke der Beiträge zahlt sich aus. Die Macher haben es verdient.
Aber wer sagt eigentlich, dass alle Alles machen müssen? Und das auch noch auf der gleichen Plattform? Es sind genug Nischen in Deutschland noch nicht besetzt. Und dabei gibt es von einigen Privatleuten spannende, erfolgreiche (auch im kleinen Rahmen wirtschaftlich gesehen) Angebote.
Gerade im Bereich der Tech- und Medienseiten sind sowohl die Amateurszene (besonders in der Berichterstattung rund um den Konzern Apple aktiv) und die Kleinstredaktionen erfolgreich und wirtschaftlich gut aufgestellt.
Das reine Online-Medienmagazin dwdl.de begeistert seit Jahren mit einer fundierten und klar ausgerichteten Berichterstattung eine ganze Branche. Das zahlt sich aus. Mittlerweile arbeiten drei feste Redakteure für die Seite.
Bisher haben die Verlage vor allem eines versucht: ihre eh sehr reichweitenstarken Massenmarken im Netz zu positionieren und damit zu Geld zu machen. Dagegen werden die kleineren, speziellen Marken auch im Netz künstlich klein gehalten. Investiert wird dort gar nicht. Dabei wäre es in diesen Bereichen gar nicht so mitarbeiter- und kostenaufwändig.
Denn: Es zählen nicht 20 oder mehr eigenrechierte Geschichten jeden Tag. Durch eine intelligente Verlinkung anderer, ähnlicher Portale könnte sich jede Randmarke zu einem Marktführer in ihrem Segment im Internetbereich hocharbeiten. Dazu noch ein passendes Forum und die Nutzer kommen von allein. Die Werbekunden würden es Ihnen danken. Denn für einen Anbieter von Angelhaken gibt es wenig Fläche auf Spiegel Online und Co.
Obwohl Spiegel Online mit einer speziellen iPhone-App überrascht hat. Statt auch dort die bekannten und schon mehrfach abrufbaren Inhalte zu verbreiten, schickte man eine Wissens-Test-App ins Rennen und kann damit wirtschaftlich für wenig Aufwand etwas Geld verdienen.
Scheinbar hat man erkannt, dass sich Journalismus nicht unbedingt mit dem Verkauf des Produkts “Journalismus” refinanzieren kann.
Solange die Verlage aber weiterhin von allem ein wenig aber wenig richtig machen, werden Sie im Internet auf keinen grünen Zweig kommen. Denn so ist das alles nicht gedacht. Im großen, mittlerweile doch gar nicht mehr so jungen Internet.